Peter Klimek: „Wir müssen die Produktions- und Liefernetzwerke besser kennenlernen“


Mar 6, 2023

Spätestens seit der Pandemie, traten die globalen Wissenslücken über Liefernetzwerke deutlich zutage. Durch das neue Forschungsinstitut ASCII gegründet vom Complexity Science Hub, der FH OÖ, dem VNL und dem WIFO, sollen diese nun geschlossen werden. Österreich wird dadurch eine internationale Vorreiterrolle einnehmen. Peter Klimek, ASCII-Direktor und Forscher am Complexity Science Hub, dazu im Gespräch – über die Entstehung des ASCII, globale Zusammenhänge und seine persönliche Vision.

Peter Klimek at the Complexity Science Hub © EugenieSophie

Aus welchem Grund wurde das ASCII gegründet? Und warum gerade jetzt?

Peter Klimek: Erstens, um zu frühzeitig erkennen zu können, dass es zu Engpässen in einer Lieferkette kommt und somit noch bevor eine tatsächliche Versorgungsknappheit eintritt. Zweitens wollen wir diese Wertschöpfungsketten nicht nur resilienter, robuster und sicherer machen, sondern auch eine evidenzbasierte Grundlage für Entscheidungträger:innen bereitstellen und proaktiv aufzeigen, wie wir sie optimal umbauen können, sodass in Zukunft ein nachhaltigeres und effizientes Wirtschaftssystem entsteht.

Könntest du das näher ausführen?

Zu erstens: Wir wollen dazu beitragen künftig die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Das ASCII ist eine notwendige Konsequenz aus den Erfahrungen der letzten Jahre, wo wir multiple Krisen erlebt haben und deren Auswirkungen auf die Lieferketten und Produktionsnetzwerke deutlich spürten.

 

Wir konnten sehen, dass Dinge, die wir davor als gegeben gesehen haben, plötzlich nicht mehr funktionierten – zum Beispiel, dass es zu Lebensmittelknappheiten kam, dass Autoteile nicht lieferbar waren und vieles mehr. Wer gerade nach Großbritannien schaut, kann diese Konsequenzen in den Supermärkten unmittelbar sehen. Bislang hat man erst bemerkt, dass es Probleme in den Versorgungsnetzwerken gibt, wenn die Sachen „plötzlich“ nicht mehr verfügbar waren. Es gab keine Möglichkeit, eine Knappheit vorherzusehen.

 

Wir konnten zudem beobachten, dass Lieferketten sehr anfällig sind und enorm weitreichende kaskadierende Effekte haben. Einzelne Ereignisse wie eine Schiffshavarie können beispielsweise zu globalen Störungen in Wirtschaftskreisläufen führen. Wenn in diesen sogenannten „Flaschenhälsen“ der Liefernetzwerke Störungen auftreten, betrifft das in weiterer Folge die Versorgung von sehr vielen Ländern.

“Technologiewechsel braucht Anpassung”

Zu zweitens: Viele Zukunftsthemen hängen direkt mit Liefernetzwerken zusammen. Zum Beispiel: Wie schaffen wir es Emissionen zu reduzieren? Wie entsteht ein nachhaltigeres Wirtschaftssystem? Wie können wir eine klimaneutrale Mobilität garantieren? Wenn wir zum Beispiel vermehrt auf E-Mobilität setzen möchten, müssen wir die Industriestrukturen entsprechend umstellen.

 

Ein Technologiewechsel bedingt immer, dass sich auch die Produktionsnetzwerke daran anpassen müssen. In vielen Bereichen wissen wir derzeit jedoch noch nicht, wo wir hier an Limitationen stoßen – etwa wie sehr man neue Technologien nach oben skalieren kann, um eine ähnliche Effizienz zu erzielen.

“Viele ungelöste Fragen”

Das heißt, würden wir beispielsweise apodiktisch von oben entscheiden, dass es nur noch E-Autos geben soll, würde sich das im Hinblick auf die notwendige Infrastruktur überhaupt ausgehen? Dies sind bislang größtenteils ungelöste Fragen, da wir gar nicht wissen, wie diese Produktionsnetzwerke aktuell im Detail aussehen.

 

Wir könnten beispielsweise Maßnahmen ergreifen, um in Österreich weniger Emissionen in der Lebensmittelproduktion zu erzeugen. Wenn wir zum Ausgleich dann aber Lebensmittel importieren und nicht wissen wie diese produziert worden sind, wissen wir auch nicht, was sich in der globalen Bilanz ändert. Deshalb müssen wir zuerst ermitteln, wie diese globalen Kreisläufe funktionieren.

Wie sah die Lieferkettenforschung bislang aus?

Peter Klimek: Ein Großteil der Forschung über Logistik und Lieferketten geschah bislang aus Unternehmensperspektive. Einzelne Unternehmen, die ihre Kundenzahl, Zulieferer, Infrastruktur und Lieferketten optimieren wollen.

 

Auf Systemebene, also wie ein optimales Netzwerk auf globaler Ebene aussieht, dazu gibt es bislang wenige Forschungserkenntnisse. Die Gründe dafür: Einerseits gibt es die Daten dazu gar nicht. Und zweitens wurde bisher häufig aus der Perspektive eines einzelnen Unternehmens geforscht, ohne auf die Makroperspektive einzugehen. Das wollen wir nun am ASCII ändern.

Und was macht das ASCII anders?

Peter Klimek: Die Forschung auf Makroebene braucht einen Mix an Disziplinen, die jetzt am ASCII (Anm.: durch die Gründungsmitglieder Complexity Science Hub, Logistikum of FH OÖ, Verein Netzwerk Logistik GmbH (VNL) und WIFO) zusammenarbeiten. Denn wir müssen die Netzwerke und Logistik kennen, wir müssen mit Systemen umgehen können, die sehr komplex und verflochten sind und wir müssen all das in einen wirtschaftspolitischen Kontext setzen können – schließlich erfüllen diese Netzwerke eine ökonomische Funktion.

 

Die Expertise des Complexity Science Hub auf Datenebene wird dabei eine zentrale Rolle spielen, um aus dieser enormen Menge von Daten evidenzbasierte Erkenntnisse ableiten zu können. Darüber hinaus bringen wir am Complexity Science Hub bereits einen großen Erfahrungsschatz im interdisziplinären Arbeiten mit und sind es gewohnt datengetriebene Ergebnisse in verschiedenen Kontexten so aufbereiten, dass sie als Grundlage für fundierte Entscheidungen dienen können.

Wieso kam es scheinbar plötzlich zu diesen Lieferkettenausfällen in der letzten Zeit?

Peter Klimek:  Viele Expert:innen in den einzelnen Bereichen kannten auch davor die Schwachstellen. Doch einerseits wurden sie durch diese multiplen Krisen erst jetzt ins öffentliche Scheinwerferlicht gerückt. Denn durch die Globalisierung fand in vielen Fällen hauptsächlich eine Konzentrierung der Produktionsprozesse statt, was Liefernetzwerke natürlich anfälliger macht. Wie anfällig, aber tatsächlich, das ist jetzt deutlich geworden.

 

So wusste man beispielsweise schon seit Jahren, dass es zu einer immer stärkeren Konzentration der Medikamentenproduktion in bestimmte Länder kommt. Schlagend werden diese Dinge allerdings häufig erst, wenn tatsächlich etwas passiert, wie es in der Pandemie der Fall war.

 

Andererseits gibt es Expert:innen in bestimmten Feldern, aber ein systematisches Monitoring über eine Vielzahl von Wirtschaftsbereichen und eine gezielte Aufbereitung dieser Informationen fehlt.

Was werden die großen Herausforderungen für ASCII sein?

Peter Klimek: Wir müssen die Produktions- und Wertschöpfungsnetzwerke besser kennenlernen. Da es dazu keine vollständigen Daten gibt, werden wir sie aus vielen unterschiedlichen Quellen mühsam zusammensammeln müssen. Außerdem müssen wir, um die Abhängigkeiten von Österreich zu kennen, diese Netzwerke von Anfang an auf europäischer und in Wahrheit globaler Ebene denken.

 

In nächster Instanz wollen wir verstehen, wie sie sich verändern, wie anfällig sie für Schocks sind und wie wir sie so gestalten können, dass sie sicherer und nachhaltiger werden, ohne dabei Effizienz einbüßen zu müssen.

Wie kam es zur Gründung des ASCII?

Peter Klimek: Während der Pandemie rückte das Thema Versorgungssicherheit immer stärker in den Fokus, sodass entsprechende Krisenstäbe des Ministeriums eingerichtet wurden, in denen unter anderem auch der Complexity Science Hub vertreten war.

 

Schnell haben wir dort gemeinsam festgestellt, dass die „Intelligence“ – im Sinne einer übergreifenden Aufklärungskompetenz – in Österreich fehlt, um frühzeitig drohende Engpässe erkennen zu können. Auf Basis dieser Erfahrungen entstanden einzelne Projekte und schließlich die Idee eines Institutes, das alle notwendigen Kompetenzen in sich vereint.

Wie sieht die Vision für das ASCII aus?

Peter Klimek: Meine Vision ist, dass wir ein weltweit führendes Forschungsinstitut werden, das sich mit lieferkettenbezogenen Fragestellungen datenbezogen auseinandersetzt und dadurch Nutzen für die Bevölkerung entsteht.

 

Neben der evidenzbasierten Politikberatung wollen wir aber auch im Bereich der Wirtschaft ein Ansprechpartner für Unternehmen sein. Im Bereich der Forschung möchten wir die fehlende Datenlandschaft ergänzen und für die internationale Forschungsgemeinschaft aufbauen, weil natürlich viele Kolleg:innen vor dem gleichen Problem stehen. Durch die Gründung des ASCII haben wir die Gelegenheit eine internationale Vorreiterrolle einzunehmen. Diese möchten wir in den nächsten fünf Jahren durch wissenschaftlich exzellente Arbeit ausfüllen.


Event

CSH Talk by François Lafond "Firm-level production networks: what do we (really) know?"


Jun 07, 2023 | 15:0016:00

Complexity Science Hub Vienna

Publication

V.D.P. Servedio, M. R. Ferreira, N. Reisz, R. Costas, S. Thurner

Scale-free growth in regional scientific capacity building explains long-term scientific dominance

Chaos, Solitons & Fractals 167 (2023) 113020

Publication

A. Nerpel, et al.

SARS-ANI: a global open access dataset of reported SARS-CoV-2 events in animals

Scientific Data 9 (438) (2022)

People

May 30, 2023

Meet Sachin Rawat

Publication

C. Deischinger, E. Dervic, S. Nopp, M. Kaleta, P. Klimek, A. Kautzky-Willer

Diabetes mellitus is associated with a higher relative risk for venous thromboembolism in females than in males

Diabetes Res Clin Pract. (2022) 36471550

Research News

May 30, 2023

Obesity increases risk of mental disorders throughout life

Press

End Times by Peter Turchin review – can we predict the collapse of societies?


The Guardian, May 28, 2023

Press

Wie Medikamente durch die Welt reisen


NEWS, May 31, 2023

News

May 31, 2023

Forensic analysis shows signs of election fraud in Turkey

Press

Obesity increases the chances of developing mental disorders for all age groups


News Medical, May 30, 2023

Event

CSH Talk by Thomas Choi "Supply Networks: Dyads, Triads, Tetrads, and Beyond"


Jun 06, 2023 | 15:0016:00

Complexity Science Hub Vienna

News

May 31, 2023

Forensic analysis shows signs of election fraud in Turkey

People

May 30, 2023

Meet Sachin Rawat

Research News

May 30, 2023

Obesity increases risk of mental disorders throughout life

News

May 25, 2023

Quotas alone will not solve the problem

Spotlight

May 17, 2023

Complexity Research for Digital Humanism

People

May 12, 2023

Peter Turchin introduces his new book

Research News

May 2, 2023

Scientists create high-resolution poverty maps using big data

News

Apr 26, 2023

BEYOND COLLECTIVE STUPIDITY

Spotlight

Apr 21, 2023

How does a region become a center for innovation?

Spotlight

Apr 14, 2023

Are cars our kings?

Press

End Times by Peter Turchin review – can we predict the collapse of societies?


The Guardian, May 28, 2023

Press

Obesity increases the chances of developing mental disorders for all age groups


News Medical, May 30, 2023

Press

Wie Medikamente durch die Welt reisen


NEWS, May 31, 2023

Press

Kritik an EU-Chatkontrolle


Ö1 | Digital.leben, May 11, 2023

Press

Treibjagd im Darknet: Neue Technologien für Cyber-Ermittler


Salzburger Nachrichten, May 16, 2023

Press

„Die Älteren halten zu Erdogan, die jüngere Generation hat andere Sorgen“


Cicero, May 9, 2023

Press

Stablecoin Destabilization - why should we care?


Forbes, Apr 27, 2023

Press

„Wir sind nicht so einfach zu manipulieren“ [feat. Hannah Metzler]


Kurier, Apr 29, 2023

Press

Die manchmal fatale Lust, alles selbst zu recherchieren [feat. Mirta Galesic & Henrik Olsson]


Die Presse, Apr 14, 2023

Press

La scienza ha creato una nuova classificazione delle aperture degli scacchi [ital | feat. Vito Servedio & Giordano De Marzo]


WIRED, Apr 10, 2023

Publication

R. Prieto-Curiel, J. E. Patino, B. Anderson

Scaling of the morphology of African cities

PNAS 120 (9) (2023) e2214254120

Publication

A. Di Natale, D. Garcia

LEXpander: applying colexification networks to automated lexicon expansion

Behaviour Research Methods (2023)

Publication

V.D.P. Servedio, M. R. Ferreira, N. Reisz, R. Costas, S. Thurner

Scale-free growth in regional scientific capacity building explains long-term scientific dominance

Chaos, Solitons & Fractals 167 (2023) 113020

Publication

C. Deischinger, E. Dervic, S. Nopp, M. Kaleta, P. Klimek, A. Kautzky-Willer

Diabetes mellitus is associated with a higher relative risk for venous thromboembolism in females than in males

Diabetes Res Clin Pract. (2022) 36471550

Publication

A. Nerpel, et al.

SARS-ANI: a global open access dataset of reported SARS-CoV-2 events in animals

Scientific Data 9 (438) (2022)

Publication

E. D. Lee, X. Chen, B. C. Daniels

Discovering sparse control strategies in neural activity

PLoS Computational Biology (May 27) (2022)

Publication

H. Kong, S. Martin-Gutierrez, F. Karimi

Influence of the first-mover advantage on the gender disparities in physics citations

Communications Physics 5 (243) (2022)

Publication

T.M. Pham, J. Korbel, R. Hanel, S. Thurner

Empirical social triad statistics can be explained with dyadic homophylic interactions

PNAS 119 (2022) e2121103119

Publication

G. De Marzo, V.D.P. Servedio

Quantifying the complexity and similarity of chess openings using online chess community data

Scientific Reports 13 (2023) 5327

Publication

D. R. Lo Sardo, S. Thurner, et al.

Systematic population-wide ecological analysis of regional variability in disease prevalence

Heliyon 9(4) (2023) e15377

Publication

J. Wachs

Digital traces of brain drain: developers during the Russian invasion of Ukraine

EPJ Data Science 12 (2023) 14

Publication

D. Diodato, R. Hausmann, F. Neffke

The impact of return migration on employment and wages in Mexican cities

Journal of Urban Economics 135 (2023) 103557

Event

CSH Talk by Thomas Choi "Supply Networks: Dyads, Triads, Tetrads, and Beyond"


Jun 06, 2023 | 15:0016:00

Complexity Science Hub Vienna

Event

CSH Workshop: "Firm-level supply network data for policy making"


Jun 05, 2023 | 8:00Jun 06, 2023 | 17:00

Complexity Science Hub Vienna

Event

CSH Talk by François Lafond "Firm-level production networks: what do we (really) know?"


Jun 07, 2023 | 15:0016:00

Complexity Science Hub Vienna