Omikron: Pandemie am Wendepunkt?

 

 

Österreich steuert auf die fünfte Erkrankungswelle zu. Angesichts der steigenden Omikron-Infektionen warnen Fachleute vor einem Zusammenbruch der Infrastruktur. Es gibt aber auch positive Stimmen: Omikron könnte das „Ticket“ in eine neue, harmlosere Phase der Pandemie sein.

 

 

Für Peter Klimek, Systemforscher von der MedUni Wien, ist das, was nun auf uns zukommt, eine „Pandemie 2.0“, jedenfalls nicht vergleichbar mit den letzten Erkrankungswellen. Einige Unterschiede: Zum einen hat sich durch Impfungen und Infektionen ein Immunschutz in der Bevölkerung aufgebaut, mit einem hohen Anteil von Hospitalisierungen ist laut Klimek nicht unbedingt zu rechnen.

 

Was die absoluten Zahlen angeht, sieht es freilich anders aus. Laut bisherigen Daten dürfte sich Omikron zwei bis drei Mal so schnell vermehren wie Delta oder vielleicht sogar noch schneller. Und das wird sich wohl auch in den Krankenstatistiken niederschlagen. Eine Pandemie der Ungeimpften werde die Omikron-Welle jedenfalls nicht sein, sagt Klimek. Auch wenn die Booster-Impfungen einen guten Schutz vor schweren Erkrankungen bieten, werde es auch unter Geimpften zu zahlreichen Infektionen kommen, wie etwa die Daten aus Großbritannien und Dänemark zeigen.

“Eine Wand, keine Welle“

 

 

„Diese Welle wird so steil sein, dass man fast von einer Wand sprechen muss, die da auf uns zukommt“, sagt Klimek im Gespräch mit dem ORF. Während der letzten Delta-Welle war in manchen Regionen Österreichs etwa ein Prozent der Bevölkerung mit dem Virus infiziert, im Fall von Omikron ist mit deutlich höheren Anteilen zu rechnen. Dieser Umstand könnte zu Problemen bei der kritischen Infrastruktur führen. Denn selbst wenn die Erkrankungen mild ausfallen sollten, könnte die hohe Zahl der Krankenstände den Betrieb in Krankenhäusern und Pflegeheimen gefährden. Ähnliches gilt für Stromversorger oder Supermärkte.

 

 

Was also tun? Für Klimek ist das ein Anlass, die Maßnahmen in der Pandemie grundsätzlich zu überdenken. Die derzeit gültigen Quarantäne-Regelungen – zehn Tage insgesamt plus eine Option fürs Freitesten nach fünf Tagen – hält der Systemforscher in der jetzigen Frühphase für sinnvoll, weil sie Zeit verschaffen, die Impfquote weiter zu erhöhen. Mitten in der fünften Welle sollte man indes über eine Verkürzung nachdenken, so Klimek. „Vielleicht wird es dann in Österreich die eine oder andere Person geben, die erstmals trotz einer Coronavirus-Infektion arbeiten geht.“

„Omikron keine Welle, eher wie eine Wand“

 

 

Eine veränderte Kosten-Nutzen-Rechnung ergebe sich auch für das bisher so wichtige Prinzip „Flatten the Curve“, also das Abflachen der Infektionskurve. Das Hinauszögern des Infektionsgeschehens könnte nämlich gerade in der Infrastruktur zu einer Verlängerung des Ausnahmezustandes führen, sagt Klimek. So gesehen wäre es unter Umständen sogar besser, rasch durchzutauchen – um dann ebenfalls möglichst rasch vom Not- zum Normalbetrieb übergehen zu können. Oder anders formuliert: „Je steiler die Welle ansteigt, desto kürzer dauert sie.“

Engpässe erwartet

 

 

Einem Bericht des „Intelligencer“ zufolge könnte die Omikron-Infektionen in der südafrikanischen Provinz Gauteng bereits ihren Höhepunkt überschritten haben. Noch ist unklar, ob es sich wirklich so verhält – oder ob es sich nur um einen kurzfristigen Rückgang handelt, bevor die Infektionen auf andere, bisher verschont gebliebene soziale Netzwerke übergreifen. Trevor Bedford vom Fred Hutchinson Cancer Research Center hat jedenfalls ein paar Hypothesen formuliert, die erklären könnten, warum der Rückgang – so er real ist – nicht vorhergesehen wurde. Eine davon: Möglicherweise ist der Anteil jener, die sich mit Omikron infizieren können, geringer als gedacht.

 

Die Ambivalenz der aktuellen Situation hat kürzlich die Virologin Isabella Eckerle von den Universitätskliniken in Genf angesprochen. Omikron, so schreibt Eckerle auf Twitter, könnte einerseits das „Ticket“ in eine neue Phase der Pandemie sein, mit flächendeckenden Infektionen und einem nur mehr endemisch zirkulierenden Virus. Doch der Weg dorthin werde auch zu Kosten führen, nämlich zu „massiven Engpässen in vielen Bereichen“.

 

 

Ähnlich sieht das der Corona-Expertenrat der deutschen Bundesregierung. In einer am Sonntag veröffentlichten Stellungnahme heißt es: „Sollte sich die Ausbreitung der Omikron-Variante so fortsetzen, wäre ein relevanter Teil der Bevölkerung zeitgleich erkrankt und/oder in Quarantäne. Dadurch wäre das Gesundheitssystem und die gesamte kritische Infrastruktur extrem belastet.”